Gewalt in der häuslichen Pflege: Erkennen, Benennen und Handeln

von Tobias Münzenhofer

Gewalt in der Pflege ist ein komplexes Thema, bei dem ein kriminologischer Ansatz – Wer ist Täter, wer Opfer? – wenig hilfreich ist.

Gewalt in der häuslichen Pflege: Erkennen, Benennen und Handeln

Gewalt in der häuslichen Pflege ist ein vielschichtiges und sensibles Thema, das umfassende Aufmerksamkeit und gezielte Maßnahmen erfordert. Im Gegensatz zu einem rein kriminologischen Ansatz, der Täter und Opfer klar zuordnet, sind die Strukturen und Belastungen der häuslichen Pflege entscheidende Faktoren für das Verständnis und die Prävention von Gewalt.

Das Problem seien nicht böse Angehörige, sondern die Strukturen. Angehörige, die zuhause ihre Liebsten pflegen, würden unzureichend Unterstützung bekommen. Dabei sei gerade die Überlastung der Familie gewaltfördernd.

Einführung in das Thema Gewalt in der Pflege

Gewalt in der Pflege umfasst verschiedene Formen wie körperliche, psychische, sexuelle und finanzielle Gewalt sowie Vernachlässigung. Diese Gewalt kann sowohl von den pflegenden Angehörigen ausgehen als auch gegen sie gerichtet sein. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird Gewalt als ein diffuses und komplexes Phänomen beschrieben, das sich einer exakten wissenschaftlichen Definition entzieht. Gewalt gegen ältere Menschen wird als eine Handlung oder das Unterlassen einer angemessenen Reaktion beschrieben, die einer älteren Person Schaden oder Leid zufügt. Dies umfasst körperliche, sexuelle, psychologische und emotionale Misshandlung, finanziellen Missbrauch, Vernachlässigung und den Verlust von Würde und Respekt.

Erkennungsmerkmale von Gewalt

Gewalt in der häuslichen Pflege kann sich durch verschiedene Anzeichen manifestieren:

  • Physische Anzeichen: Hämatome, Frakturen, schlechte Körperhygiene.
  • Psychische Anzeichen: Angst, Depression, Rückzug, auffällige Verhaltensänderungen.
  • Soziale Anzeichen: Isolation, Konflikte innerhalb der Familie.
  • Kommunikationstechniken zur Identifikation von Gewalt: Gezieltes Fragen, Beobachten von Interaktionen.

Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen von Gewalt in der häuslichen Pflege sind vielfältig. Überforderung, mangelnde Unterstützung und psychische Erkrankungen können die Belastungssituationen verschärfen. Besonders bei der Pflege von Menschen mit Demenz steigen die Herausforderungen, da die Pflegenden oft mit geistigen Einschränkungen und veränderten Beziehungsregeln konfrontiert sind. Risikofaktoren umfassen:

  • Neue Rolle ohne Fachwissen: Fehlendes medizinisches und pflegerisches Wissen.
  • Veränderte Beziehungsdynamiken: Alte Regeln außer Kraft gesetzt.
  • Zeitmangel und Überlastung: Berufstätigkeit, Aufgabe von Beruf oder Hobbys.
  • Ergebnis: Überlastung der Familie.

Gewalt gegen Pflegende

Gewalt kann auch von den Pflegebedürftigen gegenüber den Pflegenden ausgeübt werden, insbesondere in belastenden Pflegesituationen:

  • Psychische Gewalt: 45% berichteten von psychischer Gewalt (Anschreien, Beleidigen) innerhalb der letzten 6 Monate.
  • Körperliche Gewalt: 11% erlebten körperliche Gewalt (grobes Anfassen, Schlagen).
  • Demenz: Angehörige von Demenzkranken erlebten häufiger Gewalt oder gewaltförmiges Verhalten durch die Pflegebedürftigen.

Gewaltanwendung durch Pflegende

Auch Pflegende können Gewalt gegen Pflegebedürftige anwenden, oft als Reaktion auf die Belastungssituation:

  • Psychische Gewalt: 32% gaben an, psychische Gewalt gegen die pflegebedürftige Person angewendet zu haben.
  • Körperliche Gewalt: 12% berichteten von körperlicher Gewalt.
  • Vernachlässigung: 11% gaben Vernachlässigung an.
  • Freiheitsentziehende Maßnahmen: 6% gaben solches Verhalten zu.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Gesetzliche Bestimmungen und Meldepflichten bieten einen rechtlichen Rahmen, der den Schutz der Pflegebedürftigen und der Pflegenden gewährleisten soll. Rechte der Pflegebedürftigen und Pflegenden umfassen das Recht auf Schutz und Sicherheit. Schutzmaßnahmen und Interventionsmöglichkeiten müssen klar definiert und leicht zugänglich sein. https://www.gesetze-im-internet.de/gewschg/index.html

Handlungskompetenzen für Pflegende

Pflegende Angehörige benötigen spezielle Kompetenzen, um Gewalt zu vermeiden und sicher zu handeln:

  • Strategien zur Deeskalation und Konfliktlösung: Kommunikationstechniken, Umgang mit Aggressionen.
  • Entwicklung von Handlungssicherheit: Rollenspiele, Fallbeispiele.
  • Aufbau eines Netzwerks von Unterstützungs- und Beratungsangeboten: Kontakte zu relevanten Organisationen.

Beratungs- und Unterstützungsangebote

Verschiedene Beratungs- und Unterstützungsangebote stehen pflegenden Angehörigen zur Verfügung, um sie zu entlasten und zu unterstützen:

  • Vermittlung von Kontakten zu Beratungsstellen: Ansprechpartner, Hotlines.
  • Information über Unterstützungsangebote: Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige.
  • Örtliche Beratungsstellen von Kirchen und Nachbarschaftsvereinen: Psychische Entlastung durch Austausch mit Gleichgesinnten.
  • Selbsthilfegruppen und Gesprächskreise: Organisiert von Wohlfahrtsverbänden, Nachbarschaftsvereinen, Mehrgenerationenhäusern und kommunalen Einrichtungen.
  • Krisentelefone: https://www.zqp.de/angebot/krisentelefone/#krisentelefone

Praktische Übungen und Fallbeispiele

Durch die Analyse und Diskussion realer Fallbeispiele sowie Übungseinheiten zur Erkennung und Ansprache von Gewalt können pflegende Angehörige praxisnah lernen, wie sie Gewalt vermeiden und effektiv reagieren können. Gruppenarbeiten und Rollenspiele fördern die praktische Anwendung des Gelernten.

Reflexion und Abschluss

Die Möglichkeit zur Selbstreflexion und zum Erfahrungsaustausch ist ein wichtiger Bestandteil der Fortbildung. Diskussionen offener Fragen, moderierte Gespräche und abschließende Besprechungen helfen den Teilnehmenden, das Gelernte zu verinnerlichen und anzuwenden.

Anzeichen für Überlastung wahrnehmen

Überlastung kann sich negativ auf die psychische Verfassung auswirken und gesundheitliche Probleme verursachen. Daher ist es wichtig, Anzeichen für Überlastung frühzeitig zu erkennen:

  • Körperliche Symptome: Schlafprobleme, Kopf-, Rücken- oder Nackenschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Herzrasen, ständige Müdigkeit.
  • Psychische Anzeichen: Unruhe, Niedergeschlagenheit, Angst, Schuldgefühle, Unzufriedenheit, Gereiztheit, Aggressivität.

Es ist wichtig, sich frühzeitig Unterstützung zu holen und ärztlichen Rat einzuholen, um gesundheitliche Probleme zu vermeiden und die eigene Belastung zu reduzieren.

Fachlichen Rat einholen

Pflegende Angehörige sollten sich über verschiedene Unterstützungsangebote aus der Pflegeversicherung informieren. Dazu gehören Ersatzpflege, Verhinderungspflege, ambulante Pflegedienste und Hilfsmittel. Erste Anlaufstellen sind die gesetzlichen Pflegekassen, private Pflegeversicherungen sowie örtliche Beratungsstellen. Es ist auch ratsam, sich über Möglichkeiten zur Wohnungsanpassung, Angehörigengruppen oder ehrenamtliche Hilfen zu informieren.

Unterstützung holen

Es kann sein, dass sich die Pflege trotz aller Bemühungen nicht allein bewältigen lässt. Unterstützung durch Familie, Freunde und professionelle Pflegekräfte kann helfen, mit den Anforderungen im Alltag besser umzugehen und Überlastung vorzubeugen. Dies ist zum eigenen Wohl und im Interesse der pflegebedürftigen Person wichtig.

Lösungsansatz

Ein zentraler Lösungsansatz besteht darin, helfende statt strafender Interventionen zu implementieren:

  • Helfende statt strafender Interventionen: Fokus auf Unterstützung statt Bestrafung.
  • Aufbau einer sozialen Infrastruktur: Ziel ist die Unterstützung zuhause statt der Unterbringung im Heim.

Instrument: FARBE (Fragebogen zur Angehörigen-Resilienz und -Belastung)

FARBE ist ein wissenschaftsbasiertes Screening-Instrument, das in der professionellen Beratung eingesetzt wird, um Resilienzfaktoren und Belastungsfaktoren pflegender Angehöriger systematisch zu erfassen. Das Verhältnis von pflegespezifischer Belastung und Resilienz ist entscheidend für die Prävention stressbedingter Gesundheitsprobleme. Ziel ist es, die Resilienz zu stärken und die Belastung zu reduzieren. https://www.zqp.de/angebot/fragebogen-farbe/

Schlussfolgerung

Gewalt in der häuslichen Pflege ist ein vielschichtiges Thema, das strukturelle Probleme, Überlastung und mangelnde Unterstützung umfasst. Durch gezielte Maßnahmen, frühzeitige Erkennung von Überlastung, den Aufbau einer unterstützenden Infrastruktur und die Stärkung der Resilienz können pflegende Angehörige entlastet und Gewalt verhindert werden. Professionelle Beratung und Unterstützung spielen hierbei eine entscheidende Rolle, um die Lebensqualität der Pflegenden und der Pflegebedürftigen zu verbessern.

Tobias Münzenhofer

Weitere Informationen:

https://gesund.bund.de/gewalt-pflege

Stiftung ZQP - Aggression und Gewalt in der informellen Pflege – 2018

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 5 und 7.